Auch die Dekonstruktion findet sich, meist schneller als befürchtet, in der Ideologie wieder. Wird sie nur angewendet, um das Unterdrückte in binären Oppositionen zu akzentuieren oder im dialektischen Schritt dem scheinbar Demütigen eine Bevorzugung zu geben, ist man nur dort, wo der Underdog gegen den Übermächtigen mehr Sympathien bekommt, wo man mit stiller Häme die technisch erdrückende Großmacht gegen die Guerilla mit schlechtem Gerät verlieren sieht.
Damit sind wir bei der Geschichte mit David und Goliath. An ihr soll nur ein Detail bemerkt werden. Das hier wird, dazu habe ich keine Zeit, nicht eine exemplarisch dekonstruktive Lektüre eines Bibeltextes. (Zur Vorgehensweise unten noch eine Notiz.)
Am Grund meiner Argumentation liegt Derridas "Gesetzeskraft. Der ‚mystische Grund der Autorität’", ein brillanter und höchst nötiger Kommentar zu Benjamins "Zur Kritik der Gewalt". Derrida unterscheidet zwischen 'rechtserhaltender Macht' und 'rechtsbrechender Macht', die eine ist die Macht des Mythos, der unberührbaren Urgewalten, mal chtonisch, mal apollinisch, immer jedoch unerreichbar, in Distanz zum Menschen und an ihm nur marginal interessiert, metaphysische Geheimpolizei. Die andere Gewalt ist die, die stets fast erklärbar ist und stets völlig rätselhaft, immer sehr nah und in nicht darstellbarer Ferne, die Gewalt, die keine Opfer fordert, die sie aber annimmt und Vergebung schenkt: Die das Recht der erhaltenden Gewalt bricht, sich aber dann wieder entzieht. Metaphysiche Mafia. Beide sind ineinander vewoben und bedingen einander, die je eine von der anderen erschüttert und beide doch nur Metaphysik, Legitimation hinter dem Seidenden und damit eine Metapher für den Krieg (nach Lévinas) und sich im Krieg befindlich: Je David der Hirtenjunge gegen den Riesen Goliath und der Hirtenjunge Goliath gegen den Riesen David. Namen und Funktionen sind austauschbar, betrachtet man die Stelle wie sie in der Kinderstunde erzählt wird, als blutiger, notwendiger Kampf: Der Gewinner wäre, das wird den Kindern nicht erzählt, nur je eben auf andere Weise stärker und damit der je nächste Goliath.
Jedoch verhält es sich etwas anders, denn David hat Goliath nicht im Kampf besiegt, der an eine Urgewalt erinnernde Riese fand seinen Tod nicht durch den kleinen, flinken, technisch versierten Kämpfer, der blitzschnell zuschlägt und wieder weg ist, bevor man ihm ein Geschehen zuschreiben kann. - Nein: David hat die regeln unterlaufen. Er hat einen Stein geworfen. Das hätte jeder gekonnt, Hirten oder Bogenschützen gab es bei den Israeliten noch mehr. Was David tat, war gegen die Regel des stellvertretenden Zweikampfes, der noch bis ins Mittelalter als Gottesurteil galt: Nicht der Stärkere, sondern der metaphysisch Legitimierte gewann. David hat eben dies subversiv unterlaufen und dem Spiel des Austauschs und der gegenseitigen Gewichtung ein Ende gesetzt, indem er tat, was nicht galt. Das bemerkenswerte an diesem Aspekt der Geschichte ist nicht, das der kleine, unterschätzte Kämpfer gewann, der er eben nicht ist, betrachtet man die Geschichte klassisch und damit als Mythos. Hätte david gewonnen, hätte er eben gewonnen - und hätte sich als stärker erwiesen. Was hier geschieht, ist, dass das ganze Spiel des Austauschs von Macht für einen Augenblick unterbrochen wurde: Hier geschah ein Akt der Dekonstruktion. Weder die gesetzerhaltende Macht noch die je brechende Macht gewann, nicht der Polizist und nicht der Rebell, sondern das eben unpassende, das nicht in die Erzählung gehörige, das unbequeme, ein Ärgernis in der Schrift, dass nur aus tendenzieller Unfairness gewonnen wurde, aber eine Erlösung, dass das Spiel des Austauschs von Macht ein Ende finden konnte. Für einen Moment war die Möglichkeit eines 'messianischen Friedens' denkbar, einer 'kommenden Demokratie'. Dass die Geschichte anders weiterging, ist klar, sollte aber Thema anderer Auslegungen jedweder Art sein.
Als eine Bemerkung noch folgendes: Dekonstruktive Lesarten können mit einer Handbewegung weggewischt und abgetan werden, weil sie je nur ein abseits liegendes Detail behandeln und einen völlig untergeordneten Aspekt der Schrift betrachten. Eben das macht es aber aus, dass die Dekonstruktion keine Methode, sondern ein Stil ist und eben das macht sie so verwandt mit talmudischer Auslegung: Die ganze Heilige Schrift wird bis zu ihren Buchstaben zu einer Ansammlung von Details, über die eben keine einheitliche Lesart gehen kann, sondern die sich in dauernder Differenz befinden. Man kann jederzeit diese Lektüre der vereinzelten Bedeutungslosigkeit mit dem Recht der ganzen Tradition abtun, und muss doch eingestehen, dass in der Hochachtung eben der Bagatellen eine Treue zur Schrift liegt, die allerhöchstens als kabbalistisches Spiel mit dem Feuer zu bezeichnen ist, deren Reiz aber noch jedem Evangelikalen spürbar bleibt, weil auch er nicht vergessen hat, dass der Messias ein vernachlässigtes Ärgernis bleibt und doch Erlösung bringt. - Wow! Ein logos, der am Anfang, also nie gehört gesprochen wurde, der stets ausgelassen wurde, das Wort, das nicht gesagt wird, das sich stets entzieht, das aber alle Schrift bedingt... - man könnte direkt weitermachen!
Ich les das jetzt nicht nochmals durch, sondern stell es, wie versprochen, als Notiz auf den Blog.