Donnerstag, 13. November 2008

"When I was a kid I used to pray every night for a new bicycle. 
Then I realised God doesn't work that way, 
so I stole one and prayed for forgiveness." 

Emo Philips.



Die Konsequenzen sind kaum abzusehen, sollte dieser Satz in irgendeinem seiner wenigen Aspekte auch nur einen Anklang von Richtigkeit haben. Es ist unheimlich genug, dass er von einem mittelklassigen Spaßmacher kommt, denen in alter kultureller Tradition die Verantwortung zugesprochen wird, Wahrheiten zu aufzuzeigen, die überhaupt nicht denkbar sind. 

Dienstag, 26. Februar 2008

Immer mal wieder wird eine Entdeckung gemacht, die in ihrer Schlichtheit so beeindruckend wie elegant ist. Dazu gehört der Flynn-Effekt, dessen Nachweis der ist, dass Menschen, die um 1900 lebten, mit heutigen Intelligenzquotienten gemessen, etwa einen IQ von fünfzig bis siebzig hätten, also benutztes Klopapier geradeso nicht in die Hosentasche, sondern ins Klo packen würden. Selbstverständlich sagt das Ergebnis des Flynn-Effekts nicht, dass diese Menschen weniger intelligent waren als wir, selbstverständlich waren sie genauso intelligent, nur seltsam anders. Und, das ist der relevante Schritt, er sagt eben auch nicht nur, dass Intelligenzquotienten und ihre Tests dämlich, diskriminierend und verzerrend sind. Es wird ein Licht darauf geworfen, wie niemals von der Einheitlichkeit einer Sache ausgegangen werden darf. Intelligenz ist eben nicht als neutraler Messwert festzulegen, sondern ist, ganz marxistisch, von Ideologie völlig verseucht. Die Kultur, in der wir zu leben glauben, ist nicht messbar, ist kein Ganzes, ist auf keinen Fall kategorisierbar und vor allem ist niemals davon auszugehehen, dass wir die Geschichte, eben Zeiten anderer Intelligenz, anderer Selbstversicherung des Denkens, in irgendeiner Form als Argument nehmen dürfen oder erklären können, "wie es damals war", ohne die Geschichte oder alles andere Sein in die Förmchen unseres eigenen Denken zu pressen, in das Denken derer, die eben diese Geschichte überlebt haben. Geschichte ist die Geschichte der Sieger und sie gibt es nur in den Bildern und Geschichten, die den Siegern (das sind wir!)gefallen. Und uns gefallen Geschichten von vor zwei, dreitausend Jahren herrlich gut, wir verwenden sie, um unsere Zeit zu erklären und achten nicht darauf, dass wir damit immer eine Abstraktion betreiben, die den Menschen dieser Zeit niemals gerecht werden kann. Sie sind anders, anders intelligent, denken und fühlen anders, ordnen ihre Welt auf eine Weise, der wir nur mit äußerst vagen Mitteln nachspüren können. - Und das, hier springt dieser Text zu seiner These, wie meist ist das ein etwas holpriger Schritt, ist der Fall nicht nur mit lange nicht mehr an uns herantretende Menschen, sondern mit allen Menschen. Wir können ihr Denken, können ihr ganzes Sein nicht messen, sie fallen immer durch unsere Raster, so wie Menschen um 1900 schlicht nicht in unsere Erklärung der Welt passen: Unser Nächster ist der Andere, und erst, wenn wir mit ihm in Beziehung treten, kann unser Denken anfangen. Alles Messen und Ordnen ist immanent und ideologisch, ist in das Ich des Denkenden eingeschlossen, buchstäblich egozentrisch - wenn ihm nicht die Brechung des eigenen Denkens, der Kultur des Ich durch den Anderen geschieht. Und erst ab dann ist eine Ethik möglich, erst wenn aufgehört wird zu messen und erst wenn der Andere jenseits allen möglichen Denkens, aber immer quer zu meinem Denken steht.

- Eine Notiz dazu, wie der große Emmanuel Lévinas vielleicht den Flynn-Effekt mit einem Schulterzucken und feinem Lächeln gesehen hätte und ein etwas hinterhältig formuliertes Fragment einer Apologetik, weil damit jeder, der in irgendeiner Form eine Ethik bejaht, die sich auf den Menschen bezieht, in ein jüdisch-christliches Denken gezogen wird. (Dazu ein erstes Nebenbei. - Die Kirche kann sich nur retten, wenn sie eben solche Bewegungen durchführt: Anstatt ihre Grenzen schrumpfen zu sehen, muss sie recht ruckartig ihre Ränder weit werden lassen, ohne dann wieder Linien zu ziehen und wieder ihre Macht behaupten zu wollen. Alles Fromme kann dann später kommen, sofern es dann nötig ist.)

Zweites Nebenbei: Dem Flynn-Effekt nach werden wir wieder dümmer, nachdem wir bisher intelligenter wurden. Was passiert mit unserer Kultur, wenn sie sich selbst nicht mehr greifen kann? Werden wir denn nun dümmer oder ist nur der Test wieder nicht unserem Denken entsprechend? Die Postmoderne lebt noch oder beginnt sogar vielleicht erst! Rock 'n' Roll!

Dienstag, 12. Februar 2008

Mir wurde von Daniel ein 123-Stöckchen zugeworfen. Ich schlage also das Buch, das mir grade zur Hand liegt auf, um dort ab dem fünften Satz die nächsten drei hier abzuschreiben. Das tue ich gerne und führe in gewisser Weise den Gedanken fort, der bei Daniel und von Jüngel begonnen wurde. Mein Zitat kommt aus dem von Jacques Derrida und Gianni Vattimo herausgegebenen Band über eine Konferenz auf Capri, auf der Gedanken zum Begriff und Phänomen der Religion ausgetauscht wurden. Ich hab das Buch erst gestern wieder zur Hand genommen, um etwas nachzusehen und habe einige bisher überlesene Stellen entdeckt. Diese hier zur Funktion der Geschichte (in beiderlei Grundbedeutungen dieses Wortes, meine ich) mag dazu gehören:

"Anders gesagt: Das Faktum der Menschwerdung ist das, was der Geschichte den Sinn einer erlösenden Offenbarung gibt und sie nicht bloß eine konfuse Häufung von Ereignissen sein läßt, die die reine Strukturalität des wahren Seins stören. Daß die Geschichte auch, oder eigentlich, den Sinn von Erlösung hat (oder, in der philosophischen Sprache, einen emanzipatorischen Sinn), weil sie eine Geschichte von Verkündigungen und Entgegnungen, von Interpretationen und nicht von 'Entdeckungen' oder sich aufzwingenden 'wahren' Präsenzen ist - dies ist erst im Lichte der Lehre von der Menschwerdung denkbar geworden.
In dem Bemühen um Überwindung der Metaphysik, das dem Ruf der Epoche entspricht, in der sie sich endgültig als unhaltbar erweist (darin besteht die Geschichte des Nihilismus, die von Nietzsche erzählt und von Heidegger in Nietzsches 'Willen zur Macht' emblematisiert wird), sieht sich die Philosophie - die auf diese Weise Hermeneutik wird, Gehör und Interpretation von über-lieferten Verkündigungen (des Ge-schicks), anhörende und interpretierende Hermeneutik geworden ist - zu einem Verzicht aufgerufen, zum Verzicht auf die beruhigende Unumstößlichkeit der Präsenz."

Gianni Vattimo: "Die Spur der Spur". Übers. v. Hella Beister. In: Religion. Hg. v. Jacques Derrida u. Gianni Vattimo. Frankfurt a. M. 2001. S.123.

-Wenn ich nun das, wohl schon abgenutzte Stöckchen in diesem Spiel an Hendrik weitergebe, bin ich gespannt auf das kommende Zitat. Also: Das nächste Buch mit mindestens 123 Seiten schnappen, auf Seite 123 aufschlagen, ab dem fünften Satz auf der Seite die nächsten drei Sätze posten.

Mittwoch, 30. Januar 2008

Deswegen hat dieser Blog außerdem seinen Titel. Unter anderem. Wir leben im Abendland, in einer untergehenden Kultur, der einzigen Kultur, die es bisher geschafft hat, die Welt global unter ihre Macht zu bringen, aber auch die einzige Kultur, die Ansätze zu einem Verstehen dieser Welt hervorgebracht hat.
Und eine Kultur, deren inneres Aussehen nicht mehr zu fassen ist. Diesen Punkt spricht der Artikel nicht an: Was macht unsere, auch in sich im Abstieg begriffene Kultur aus, wenn man ihr eben Weltbeherrschungstendenzen, seien sie kapitalistisch, kommunistisch oder demokratisch, nimmt, ihr auch ein Denken rationaler Metaphysik und einer schalen gesellschaftsbindenden Vernunft nicht lassen kann? Wenn sie sich so bedroht fühlt, dass die Hauptaufgabe des Staates die Sicherheit ist? - Angst hat man, hier die These dieses Posts, nur vor dem, was man nicht lesen kann, was man zwar sieht, aber nicht in seine Welt ordnen kann. Deswegen hat man Nachts, wenn man schlicht gar nichts sieht, weniger Angst als in der Dämmerung, wo man nicht versteht, was man sieht, wo die Geräusche unbekannt sind. Man muss die Welt lesen können, um keine Angst zu haben. Und wenn wir das, was um den Westen herum geschieht, nicht lesen können, weil wir die Begriffe und Regeln des Lesens, unsere Grammatik der Welt, nicht kennen, können wir nur Angst haben und Mauern bauen, damit wir die Schemen da draußen nicht mehr sehen. Was sind die Regeln unserer Weltwahrnehmung? Was ist die Sprache unseres Denkens und woher kommt sie? Wie funktioniert unsere Kultur und wie können wir sie verstehen, um andere zu verstehen? Wie können wir im Abendland leben, überleben, Dinge tun, sprechen, denken, vielleicht glauben?

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Auch die Dekonstruktion findet sich, meist schneller als befürchtet, in der Ideologie wieder. Wird sie nur angewendet, um das Unterdrückte in binären Oppositionen zu akzentuieren oder im dialektischen Schritt dem scheinbar Demütigen eine Bevorzugung zu geben, ist man nur dort, wo der Underdog gegen den Übermächtigen mehr Sympathien bekommt, wo man mit stiller Häme die technisch erdrückende Großmacht gegen die Guerilla mit schlechtem Gerät verlieren sieht.

Damit sind wir bei der Geschichte mit David und Goliath. An ihr soll nur ein Detail bemerkt werden. Das hier wird, dazu habe ich keine Zeit, nicht eine exemplarisch dekonstruktive Lektüre eines Bibeltextes. (Zur Vorgehensweise unten noch eine Notiz.)

Am Grund meiner Argumentation liegt Derridas "Gesetzeskraft. Der ‚mystische Grund der Autorität’", ein brillanter und höchst nötiger Kommentar zu Benjamins "Zur Kritik der Gewalt". Derrida unterscheidet zwischen 'rechtserhaltender Macht' und 'rechtsbrechender Macht', die eine ist die Macht des Mythos, der unberührbaren Urgewalten, mal chtonisch, mal apollinisch, immer jedoch unerreichbar, in Distanz zum Menschen und an ihm nur marginal interessiert, metaphysische Geheimpolizei. Die andere Gewalt ist die, die stets fast erklärbar ist und stets völlig rätselhaft, immer sehr nah und in nicht darstellbarer Ferne, die Gewalt, die keine Opfer fordert, die sie aber annimmt und Vergebung schenkt: Die das Recht der erhaltenden Gewalt bricht, sich aber dann wieder entzieht. Metaphysiche Mafia. Beide sind ineinander vewoben und bedingen einander, die je eine von der anderen erschüttert und beide doch nur Metaphysik, Legitimation hinter dem Seidenden und damit eine Metapher für den Krieg (nach Lévinas) und sich im Krieg befindlich: Je David der Hirtenjunge gegen den Riesen Goliath und der Hirtenjunge Goliath gegen den Riesen David. Namen und Funktionen sind austauschbar, betrachtet man die Stelle wie sie in der Kinderstunde erzählt wird, als blutiger, notwendiger Kampf: Der Gewinner wäre, das wird den Kindern nicht erzählt, nur je eben auf andere Weise stärker und damit der je nächste Goliath.

Jedoch verhält es sich etwas anders, denn David hat Goliath nicht im Kampf besiegt, der an eine Urgewalt erinnernde Riese fand seinen Tod nicht durch den kleinen, flinken, technisch versierten Kämpfer, der blitzschnell zuschlägt und wieder weg ist, bevor man ihm ein Geschehen zuschreiben kann. - Nein: David hat die regeln unterlaufen. Er hat einen Stein geworfen. Das hätte jeder gekonnt, Hirten oder Bogenschützen gab es bei den Israeliten noch mehr. Was David tat, war gegen die Regel des stellvertretenden Zweikampfes, der noch bis ins Mittelalter als Gottesurteil galt: Nicht der Stärkere, sondern der metaphysisch Legitimierte gewann. David hat eben dies subversiv unterlaufen und dem Spiel des Austauschs und der gegenseitigen Gewichtung ein Ende gesetzt, indem er tat, was nicht galt. Das bemerkenswerte an diesem Aspekt der Geschichte ist nicht, das der kleine, unterschätzte Kämpfer gewann, der er eben nicht ist, betrachtet man die Geschichte klassisch und damit als Mythos. Hätte david gewonnen, hätte er eben gewonnen - und hätte sich als stärker erwiesen. Was hier geschieht, ist, dass das ganze Spiel des Austauschs von Macht für einen Augenblick unterbrochen wurde: Hier geschah ein Akt der Dekonstruktion. Weder die gesetzerhaltende Macht noch die je brechende Macht gewann, nicht der Polizist und nicht der Rebell, sondern das eben unpassende, das nicht in die Erzählung gehörige, das unbequeme, ein Ärgernis in der Schrift, dass nur aus tendenzieller Unfairness gewonnen wurde, aber eine Erlösung, dass das Spiel des Austauschs von Macht ein Ende finden konnte. Für einen Moment war die Möglichkeit eines 'messianischen Friedens' denkbar, einer 'kommenden Demokratie'. Dass die Geschichte anders weiterging, ist klar, sollte aber Thema anderer Auslegungen jedweder Art sein.

Als eine Bemerkung noch folgendes: Dekonstruktive Lesarten können mit einer Handbewegung weggewischt und abgetan werden, weil sie je nur ein abseits liegendes Detail behandeln und einen völlig untergeordneten Aspekt der Schrift betrachten. Eben das macht es aber aus, dass die Dekonstruktion keine Methode, sondern ein Stil ist und eben das macht sie so verwandt mit talmudischer Auslegung: Die ganze Heilige Schrift wird bis zu ihren Buchstaben zu einer Ansammlung von Details, über die eben keine einheitliche Lesart gehen kann, sondern die sich in dauernder Differenz befinden. Man kann jederzeit diese Lektüre der vereinzelten Bedeutungslosigkeit mit dem Recht der ganzen Tradition abtun, und muss doch eingestehen, dass in der Hochachtung eben der Bagatellen eine Treue zur Schrift liegt, die allerhöchstens als kabbalistisches Spiel mit dem Feuer zu bezeichnen ist, deren Reiz aber noch jedem Evangelikalen spürbar bleibt, weil auch er nicht vergessen hat, dass der Messias ein vernachlässigtes Ärgernis bleibt und doch Erlösung bringt. - Wow! Ein logos, der am Anfang, also nie gehört gesprochen wurde, der stets ausgelassen wurde, das Wort, das nicht gesagt wird, das sich stets entzieht, das aber alle Schrift bedingt... - man könnte direkt weitermachen!


Ich les das jetzt nicht nochmals durch, sondern stell es, wie versprochen, als Notiz auf den Blog.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Das Wort, das uns benennt, ist also jenes,
welches früher oder später den unaussprechlichen
Namen Gottes entheiligen wird;
denn der Kreatur ist das Fehlen des göttlichen Namens unerträglich.
Hatte er nicht einstmals geschrieben:
"Gott ist dem Menschen ausgeliefert durch seinen Namen"?
Edmond Jabès, in: Das kleine, unverdächtige Buch der Subversion.


Ein solcher Satz kann das Denken einer ganzen Woche bestimmen: vereinzelt stehend, fein verrätselt bis in seine letzten Verzweigungen, kaum einzuordnen in irgendwelche geistigen Linien, ironisch ohne Ironie und gleichzeitig ein Träger von Wahrheit und dem Moment des Zweifelns.

Donnerstag, 29. November 2007

"Es gibt nur einen Ausdruck für die Wahrheit: den Gedanken, der das Unrecht verneint."
Horkheimer/Adorno, in: "Dialektik der Aufklärung"

Ich hab diesen Post mit meiner Modern-Postmodern-Theologischen Bastelei zum Begriff der Wahrheit und all euren Kommentaren aus Versehen gelöscht, weil ich mich mit dem Scheiß hier noch nicht richtig auskenne. Tut mir leid.